Designwissen, das Management nicht mag
Was Knowledge Management übersieht
Klassisches Knowledge Management denkt in SECI-Zyklen, Cubes und Ebenen – nützlich, aber blind für Design. Thoring und Kolleg:innen stellen fest: Ohne Verständnis der Eigenarten von Designwissen sinkt die Innovationsfähigkeit von Firmen (Thoring et al., 2022). Sticky-Note-Intuition als KM-Illusion – «die Designer:innen wissen das irgendwie» – ersetzt keine Typologie. Sie verwaltet Unsichtbarkeit.
Vier Typen, nicht ein Bauchgefühl
Ihr unified model ordnet vier Repräsentationstypen: Artifact Knowledge (verkörpert in physischen Formen – Flaschenöffner, Klettverschluss als Bionik-Transfer), Design Intuition (neuronal, oft sprachlos, trainierbar durch Erfahrung und Beobachtung), Design Language (codiert: Diagramme, Fachtermini, Sketch-Sprachen, Software), Design Theories (komprimierte, prüfbare Modelle, Normen, Patterns). Übergänge zählen: Filtern und Filter justieren zwischen Artefakt und Intuition; Externalisieren und Internalisieren zwischen Intuition und Sprache; Theoriebildung und Konzeptableitung zwischen Sprache und Theorie.
Qualitäten quer dazu
Orthogonal liegen Situatedness (kontextgebunden bis transferierbar), Expertise (Novice bis Expert), Diffusion (individuell bis kollektiv zugänglich) und Content (technisch, human-centered, prozedural, deklarativ). Wer nur «explizit vs. tacit» kennt, verfehlt Artifact Knowledge – genau die Ebene, die Radermachers Modell (Radermacher, 1996) für Design brauchbar macht und die SECI auslässt. Designwissen sitzt im Ding, nicht nur im Kopf und nicht nur im Wiki.
Warum Management das ungern hört
Artifact Knowledge lässt sich nicht sauber in das Intranet kopieren. Intuition entzieht sich der Checkbox. Design Language wirkt «weich», bis ein fehlender Begriff ein ganzes Critique-Gespräch lähmt. Theorien und Patterns wirken zu langsam für das Quartalsreporting. KM-Systeme, die auf Dokumente und Tickets optimiert sind, belohnen Diffusion von Level-C-Schnipseln und bestrafen die Pflege von Level-A- und Level-B-Wissen. Die Illusion: Intuition sei sticky-note-fähig. Die Folge: Wissenstransfer scheitert leise, Innovation dünnt aus.
Atelier-Folgen
Für Praxis heisst das Modell: Absichtlich neues Designwissen erzeugen – nicht nur vorhandenes ablegen. Für Lehre: Übungen entlang der acht Dimensionen und drei Übergänge. Für Theorie: Artefakte als Wissensspeicher ernst nehmen und Extraktion in Design Language systematisieren; «ways of seeing» als Übergang A–B erforschen. Nichts davon ist Studio-Kosmetik. Es ist Infrastruktur für Kritikfähigkeit.
Literaturchaos als Symptom
Dreissig Quellen, acht Kategorien, inkonsistente Terminologie: Object Knowledge, Artifact Knowledge, Precedents – oft dasselbe, andere Namen. Thoring und Kolleg:innen machen daraus kein Glossar-Nischenprojekt, sondern eine Management-Warnung. Redundanz und fehlende Comprehensive Classification sind nicht akademische Pedanterie. Sie sind der Grund, warum KM-Teams und Designstudios aneinander vorbeireden: Das eine sucht Tickets, das andere sieht im Prototyp bereits Wissen, das nie in Text landete.
Übergänge als Innovationsarbeit
Die drei Transitions sind der operative Kern. Wer Filter justiert, sieht Probleme und Chancen, die andere übersehen – «ways of seeing». Wer externalisiert, macht Intuition kritisierbar. Wer Modelle bildet – Journey Maps, 2×2, Personas als praktische Frameworks, nicht als allgemeine Naturgesetze –, synthetisiert. Innovation entsteht in diesen Übergängen. Ein KM, das nur Endprodukte von Level C speichert, kappt genau dort, wo Designwissen neu entsteht.
Between als Wissensarbeit
Between-Texte und Probe-Settings operieren genau an den Übergängen. Language-before-spec externalisiert Intuition, bevor Specs sie einfrieren. Material locks halten Artifact Knowledge greifbar – die Form trägt Wissen über Gebrauch, das kein Ticket ersetzt. Wer Designwissen nur als Brainstorming-Energie verbucht, mag Management-Dashboards. Wer Typen und Übergänge kennt, baut Ablagen, Critiques und Lab-Protokolle, die Innovation nicht zufällig übriglassen.
Quellen
Radermacher, F. J. (1996). Cognition in systems. Cybernetics and Systems, 27(1), 1–42. https://doi.org/10.1080/019697296126651
Thoring, K., Mueller, R. M., Desmet, P., & Badke-Schaub, P. (2022). Toward a unified model of design knowledge. Design Issues, 38(2), 17–32. https://doi.org/10.1162/desi_a_00679