Gestaltung beginnt selten beim Objekt allein. Sie beginnt dort, wo Dinge, Menschen und Systeme aufeinandertreffen und einander auslösen. Was wir sehen, ist oft nur die Oberfläche: ein Interface, ein Raum, ein Service. Was trägt, liegt dazwischen. In der Pause, in der Beziehung, in dem, was noch nicht festgeschrieben ist.
Die japanische Idee von ma heisst Intervall, Lücke, Zwischenraum. Lange bevor sie in der Designtheorie neu verhandelt wurde, beschrieben Architekten ma als erlebten Raum: nicht als leere Fläche, sondern als das, was zwischen Formen und Ereignissen entsteht (Nitschke, 1966). Später wird ma als Ambiguity gelesen: als In-Betweenness, die Bedeutung offen hält (Nguyen, 2020). Jiang und Hayama fassen das als co-becoming: eine relationale Ethik des Entwerfens (Jiang & Hayama, 2026). Der Zwischenraum ist dann kein Rest nach der Form. Er ist das, worin Form überhaupt entsteht. Absolute Klarheit ohne Zwischenraum wird starr. Gute Gestaltung setzt Ambiguität deshalb bewusst ein: offen genug für Interpretation, klar genug für Orientierung.
Zugleich verändert sich der Charakter der Dinge selbst. Viele der Dinge, mit denen wir leben, sind keine festen Gegenstände mehr. Sie sind vernetzt, veränderlich, im Gebrauch weiter im Entstehen. Ihre Oberfläche wirkt einfach, darunter laufen Beziehungen, Daten und Absichten mit. Dinge mediieren, was wir können. Manchmal lösen sie andere Dinge aus. Und manches Ding dient, ohne uns zu gehören. Dann reicht es nicht, nur die einzelne Form zu optimieren. Gestaltet werden Relationen.
Human-centered Design bleibt dabei wichtig. Es reicht aber nicht mehr als alleiniger Rahmen, wenn Technik im Gebrauch lernt und Welten mitbaut. Wakkary spricht von designing-with: Gestalten in einer Welt, in der Menschen den Raum mit Nichtmenschen teilen (Wakkary, 2021). Der Mensch bleibt zentral, aber nicht allein. Form entsteht im Zusammenspiel.
Bei SOL LAB halten wir diesen Zwischenraum bewusst offen. Gestaltung ist für uns eine Philosophie des Machens: Denken, das sich im Tun prüft, und Tun, das Denken verlangt. Was wir dabei wissen, sitzt nicht in einer Methode. Es sitzt in Sensibilities: im Körper, in der Beziehung zur Sache, übertragbar wie eine Haut, nicht wie eine Linse (Gamboa & Andersen, 2026). Form ist weder Dekor noch Beweis. Form heisst, Verantwortung für Zusammenhänge zu übernehmen.
Nicht um alles festzuschreiben, sondern um tragfähige Zwischenräume zu bauen: zwischen Mensch und Technik, Teil und Ganzem, Klarheit und Offenheit.
Was darunter liegt, ist eine einfache Haltung: lieber präzise offen als falsch geschlossen. Zwischen den Dingen entsteht das, was bleibt.