Der Funke kommt von der Seite

Der Funke ist kein Blitz aus dem Nichts. Er kommt von der Seite. Wer in einem blockierten Bezugssystem weiter geradeaus denkt, wird fleissiger, nicht neuer.

Die Formel ist älter als Koestler, und sie gehört Paul Souriau. Um Ideen zu einem Gegenstand zu finden, muss man neben ihm denken: penser à côté (Souriau, 1881). Koestler hat den Satz aufgenommen und ins Deutsche als Wegdenken gesetzt. Erfinden heisst nicht härter in derselben Bahn. Es heisst die Bahn verlassen.

Koestler nennt den Moment Bisoziation: nicht eine Idee in einer Matrix, sondern das plötzliche Zusammentreffen zweier unabhängiger Matrizen (Koestler, 1964). Zwei Spiele, die sich nicht kannten, berühren sich. Daraus entsteht das Dritte. Die Chronik der Entdeckung, die er sammelt, ist voll von Ankünften am unerwarteten Ziel. Man sucht Indien und findet Amerika.

Das ist kein Mystizismus. Es ist die Enge des bewussten Strahls. Koestler trennt zwei Unbewusste, die man ständig verwechselt. Das eine senkt beherrschte Fertigkeiten nach unten: Gewohnheit, Virtuosität, Automat. Das andere steigt aus der Peripherie auf, aus dem Hof um den Gedanken. Wer nur das erste kennt, hält Schöpfung für Zufall. Wer nur das zweite feiert, vergisst die Vorbereitung. Pasteur bleibt, bei Koestler, im Raum: der Zufall trifft den Vorbereiteten.

Poincaré hat die Kombinationen selbst beschrieben. Erfinden heisst wählen. Die fruchtbarsten holen ihre Elemente aus weit auseinanderliegenden Gebieten. Die meisten sind unbrauchbar. Die wenigen, die tragen, sind zugleich die schönsten. Nicht weil Schönheit Schmuck wäre. Weil das Empfinden für Stimmigkeit das Sieb ist, noch bevor der Beweis nachkommt (Poincaré, 1908). Die Logik verifiziert. Sie erfindet selten.

Deshalb ist Sprache oft zu spät, und manchmal zu genau. Worte kristallisieren Gedanken. Ein Kristall fliesst nicht mehr. Koestler führt Kekulé, Faraday, Einstein an: gedacht wird in Bildern, Bewegungen, Kraftlinien. Worte kommen danach. Er nennt das einen Rückschritt, der den Sprung vorbereitet: reculer pour mieux sauter. Gestalten kennt denselben Schritt. Wenn das Briefing zur Zwangsjacke wird, hilft nicht mehr dieselbe Frage, nur lauter.

Dorst hat das für die Praxis gefasst. Frame creation wendet alte Methoden nicht auf neue Probleme an. Sie erzeugt einen anderen Zugang (Dorst, 2015). Das ist Koestler im Studio: nicht härter im selben Spiel, sondern ein zweites Spiel danebenlegen, bis beide sich berühren.

Bei SOL LAB halten wir diesen Seitenschritt offen. Der Funke sitzt nicht in der Methode. Er sitzt dort, wo zwei Dinge, die sich nicht schulden, plötzlich zueinander passen.

Was darunter liegt, ist einfach: nicht geradeaus. Von der Seite.

Quellen
Souriau, P. (1881). Théorie de l'invention. Hachette. Koestler, A. (1964). The Act of Creation. Hutchinson / Macmillan. Dt. Der göttliche Funke. Scherz, 1966. Poincaré, H. (1908). L'invention mathématique. L'Enseignement Mathématique, 10. Engl. Mathematical creation. The Monist, 20(3), 1910. https://doi.org/10.1093/monist/20.3.321 Dorst, K. (2015). Frame Innovation. MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/10096.001.0001


Previous
Previous

Design als Checkbox

Next
Next

Die Linie wird Gefäss