Nicht die Zeit «Mads, honestly, this is not the time for aesthetics», sagt eine Kollegin aus der Designforschung zu Mads Nygaard Folkmann (2026, S. 46). Er versteht sie: Das Klima kippt, Kriege zerstören Leben, wir konsumieren zu viel. Wer will da über Schönheit reden? Im Studio klingt dieselbe Haltung leiser. In der Kritik heisst es «stimmig», «funktional», «zirkulär». «Schön» sagt kaum jemand. Es klingt nach Dekor, nach einem Luxus, den man sich nach der Ökobilanz gönnt. Folkmann kennt die Scheu schon länger. Viele Designer:innen ärgere die Aufmerksamkeit für Ästhetik, schrieb er 2013, weil sie ihre Arbeit auf «surface, appearance, and styling» reduziere (S. 27). Die Designgeschichte wiederum mied das Thema lange, aus Sorge, als Pseudo-Kunstgeschichte zu gelten (Folkmann, 2026, S. 47). Folkmanns Gegenthese ist klar: Ästhetik ist zentral, um zu verstehen, was Design ist und wie es uns die Welt zugänglich macht (S. 47). Meine ist unbequemer. Die Angst vor dem Schönen hat selbst einen Look. Er heisst Beliebigkeit.
Erscheinung ist tief Folkmann ersetzt das enge Wort Form durch Erscheinung. Erscheinung sei multisensorisch, dynamisch und in Netzwerke eingebunden, die über das Objekt hinausreichen (2026, S. 49). Sein Beispiel ist das Icehotel in Jukkasjärvi: Eis wirkt aufs Auge, noch stärker aber als Kälte auf der Haut. Mit Gernot Böhme beschreibt er, wie Dinge in einen Raum ausstrahlen und Atmosphäre erzeugen (S. 50). Sein knappster Satz dazu: «Appearances are deep, so to speak» (S. 49). Hier setzt mein Ärger über Webfarben an, die Materialfarben verdrängt haben. Ein Hexcode strahlt nicht aus. Er sieht auf jedem Bildschirm gleich aus und riecht nach nichts. Folkmann verlangt zudem, hinter die Erscheinung zu schauen. Hinter der Oberfläche eines KI-Tools arbeiten Algorithmen, und jeder Prompt kostet viel Energie und rund einen halben Liter Wasser (S. 51). Vordergrund und Hintergrund gehören zusammen. Entscheidend ist, ob eine Erscheinung ihre Herkunft aufnimmt oder tilgt (S. 53).
Zuckerguss Mit dem Philosophen Wolfgang Welsch unterscheidet Folkmann zwei Arten der Ästhetisierung (2026, S. 56). Die oberflächliche legt einen «sugar coating of reality» über die Dinge, Verschönerung und schneller Sinnesreiz. Die tiefe verändert, wie wir Wirklichkeit überhaupt wahrnehmen. Folkmanns Beispiel ist INLAND ICE, Flaschenwasser aus grönländischen Eisbergen. Die Marke schaffe eine Distanz zum Produkt, obwohl dieses Wasser durchaus besonders ist (S. 55 f.). Ich habe dafür ein eigenes Wort: abgeschleckt. Glatte Radien, glänzende Flächen, alles fertig, nichts gemacht. Das E-Auto als fahrendes iPad gehört in dieselbe Familie, mehr dazu in «Auteur-Design und das Cavallino». Folkmann bietet eine nüchterne Kategorie an, den «functional realism»: Wie ehrlich oder unehrlich drückt ein Ding seinen Zweck aus (S. 58)? Dieter Rams hat es in seiner dritten These knapper gesagt: «Schön sein kann aber nur, was gut gemacht ist» (Vitsœ, o. J.). Bleibt die Frage, ob das schon Ästhetik ist oder nur die gute Gewohnheit von Leuten, die Braun-Radios lieben.
Kleine Kategorien Der stärkste Teil des Aufsatzes handelt von Kategorien. Eine ästhetische Kategorie, so Folkmann, rahmt, was wir überhaupt als ästhetisch erleben. Ändert sich die Kategorie, ändert sich die Erfahrung (2026, S. 57). Er stützt sich auf Sianne Ngai (2012) und ihre drei Kategorien der Gegenwart: das Niedliche, das Interessante und das Überdrehte. Die grossen Kategorien des Schönen und Erhabenen weichen kleinen, schwachen, allgegenwärtigen. Ngai nennt ästhetische Erfahrung im Zeitalter von Design und Werbung «less rarefied but also less intense» (2010, zit. nach Folkmann, 2026, S. 58). Für das Design schlägt Folkmann ein Dreieck vor: das Einfache, das Komplexe, das Immersive. Das Einfache hat sein Gegenüber im Unordentlichen, das Komplexe im Banalen (S. 59 f.). Wo Immersives und Einfaches zusammenfallen, entsteht zum Beispiel das Anonyme (S. 59). Ist abgeschleckt eine solche kleine Kategorie unserer Zeit? Dann wäre Beliebigkeit nicht die Abwesenheit von Ästhetik, sondern ihre bequemste Form.
Nichts dem Zufall Rams hat das Gegenmittel in seiner achten These notiert: «Nichts darf der Willkür oder dem Zufall überlassen werden» (Vitsœ, o. J.). Willkür ist das ehrlichere Wort für Beliebigkeit. Folkmann schrieb schon 2013, Ästhetik sei nicht nur eine Frage der Erscheinung, sondern auch der Erkenntnis und der Art, wie wir unser Verhältnis zur Welt ordnen (S. 25). Im Studio heisst das: Material früh festlegen, die Probe in die Hand nehmen, zuerst die Sprache klären und dann die Spezifikation. Das dauert. Für mich ist Luxus heute genau diese Zeit, der Prozess, in dem eine Entscheidung begründbar wird. Folkmann schliesst mit dem Gedanken, wer keine Angst vor Ästhetik habe, verstehe besser, was Design ist und bedeutet (S. 60). Vielleicht ist das zu versöhnlich. Wenn jeder Prompt Wasser kostet und die Kollegin recht hat, dass jetzt nicht die Zeit für Ästhetik ist, welcher Luxus ist dann teurer: das Schöne oder das Beliebige?
Quellen
Folkmann, M. N. (2013). The aesthetics of imagination in design. MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/9292.001.0001 (Volltext, digitale Ausleihe)
Folkmann, M. N. (2026). Who’s afraid of design aesthetics? Design Issues, 42(3), 46–60. https://doi.org/10.1162/desi.a.735 (Volltext)
Ngai, S. (2010). Our aesthetic categories. PMLA, 125(4), 948–958. https://doi.org/10.1632/pmla.2010.125.4.948 (zitiert nach Folkmann, 2026)
Ngai, S. (2012). Our aesthetic categories: Zany, cute, interesting. Harvard University Press. (zitiert nach Folkmann, 2026)
Vitsœ (o. J.). Der Wert von gutem Design: Zehn Thesen für gutes Design. https://www.vitsoe.com/de/about/good-design (Volltext)
Abbildungen
Abb. 1: Modell der ästhetischen Kategorien im Design. Nach Mads Nygaard Folkmann, ‹Who’s Afraid of Design Aesthetics?›, Design Issues, 42(3), 2026, S. 59, Figure 4. Neu gezeichnet und übersetzt von SOL LAB.